Der Trip aufs Land

Viele Filme beginnen so: Quietschend schließen sich die Bustüren, mit lautem Röhren fährt der Bus an. In der Staubwolke bleibt der Held der Geschichte alleine zurück. Mitten in der Pampa. Im Nichts. Nur mit ein wenig Gepäck, in the Middle of No where.



„Morgen früh um zehn nach sechs geht’s zurück!“ hatte uns der Busfahrer noch zugerufen.
Und nun standen wir also da. Karla und Martin aus Deutschland, Chris aus Thailand und ich. Meine Gastmutter hatte von einer Art Feriendorf gesprochen, mit vielen Restaurants und Hotels, am Fuße eines großen Naturreservates „Bing yu gou“, was in etwa so viel bedeutet wie „Eistal“. „Klein Guilin“ wird die Gegend dort auch genannt. Und nachdem Guilin sowieso das schönste überhaupt auf Erden sein soll, wollten wir uns zumindest „klein Guilin“ ansehen. Nur wo? Eine Weggabelung, eine kleiner Imbissstand und ein paar Häuser, mehr war nicht zu sehen.



Doch wie so oft in China wurde uns der Weg gezeigt, ohne dass wir überhaupt danach hätten fragen müssen. „Und heute abend kommt ihr zu mir zum übernachten!“ Die alte Frau redete unentwegt auf uns ein. Das sei viel billiger als dort im Reservat. Nur zehn Yuan pro Person. In dem kleinen Haus dort. Ja, das mit den blauen Fensterstöcken. Ich befürchtete schon, dass uns noch viele solcher hartnäckiger Vermieterinnen für ihre Unterkunft werben würden.

Aber dem war nicht so. Die Gästehäuser und Restaurants am Eingang des Naturreservats waren alle geschlossen, sogar das Toilettenhäuschen war mit einem dicken Schloss verriegelt. Ein großer Parkplatz erzählte von zahlreichen Besuchern, allerdings zu einer anderen Zeit. Jetzt war es leer hier, fast gespenstisch. Außer uns Langnasen und einigen Angestellten schien sich sonst um diese Jahreszeit kaum jemand mehr hier her zu wagen. Glücklicherweise ignorierte außer uns auch das Wetter das Ende der Touristen Saison: Der Himmel war strahlend blau, es war windstill und für Ende Oktober außergewöhnlich warm.




Der Tag war im Naturreservat war herrlich: Wandern, Boot fahren, Stille und Natur genießen. So menschenleer, so still. Ganz anders als das China, das ich bisher kennen gelernt habe.



Gespannt wie eine Unterkunft für 10 Yuan pro Nacht wohl aussehen würde, gingen wir abends dann zurück zum kleinen Haus mit den blauen Fensterstöcken. Es war ein kleiner Bauernhof, mit Hühnern, Schwein und Pferd im Innenhof, in dem Haus mit einigen Gästezimmern für die Touristensaison lebten drei Generationen zusammen.



Die alte Frau hatte schon auf uns gewartet und zeigte uns jetzt stolz das Zimmer, „mit Fernseher!“ Was uns dagegen viel mehr begeistert hat, war das Bett: wir durften diese Nacht auf einem „Kang“ schlafen. Das ist ein niedriges, gemauertes Bett, auf dem mehrere Leute gleichzeitig schlafen können und das von der Seite mit einem kleinen Holzofen beheizt wird. Eine herrliche Erfindung für kalte Winternächte!



Doch ehe wir uns auf dem heißen Stein braten lassen konnten galt es erst einmal unseren Hunger zu stillen. Ich fragte die alte Frau was wir essen könnten und sie führte mich zum Hühnerstall. „Für 100 Yuan mach ich euch den da.“ Sie deutete auf den Hahn. Etwas verblüfft ob der pragmatischen Antwort konnte ich mir gerade noch verkneifen zu fragen, was denn der Hund, der daneben angekettet war, kosten würde.

Pech für den Hahn, wir hatten wirklich Hunger! Er wurde geschlachtet, gerupft, in Stücke gehackt und (inklusive Kopf, Füße, Innereien) mit Kartoffeln, Pilzen und Ingwer gekocht – wir hatten in kürzester Zeit ein leckeres Abendessen.

Am nächsten Morgen bereuten wir nur, dass wir nicht zwei Hähne gegessen hatten: ab drei Uhr befand der zweite Hahn die Nacht für beendet. Landleben eben. Früh aufstehen mussten wir ja ohnehin, um morgens um sechs den Bus zurück in die Stadt zu nehmen. Zurück in das andere China, das mit den Hühnchen von KFC.


8.11.06 14:57

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