Das Nachthemdenparadies

Es war einer von diesen Abenden, den wohl jeder Austauschschüler kennt: Nach einem langen Tag mit viel Hören und Sprechen in der noch so anstrengenden fremden Sprache brummt der Schädel und ich habe es aufgegeben dem Tischgespräch zu folgen. Wie durch einen breiten Wasserfall dringt nur noch der eine oder Wortfetzen zu mir durch.
„Schwimmbad…nicht teuer…Essen…angenehm…Übernachten“. Übernachten? Im Schwimmbad? Ich bin mir sicher, dass ich da wieder einmal etwas falsch verstanden habe.

Aber nein, diesmal habe ich richtig gehört. In diesem Schwimmbad kann man auch übernachten, und das nicht irgendwann, sondern heute Abend. Jetzt? Ins Schwimmbad? Mir war an diesem Abend eher nach einer Tasse Tee, einem guten Buch und viel, viel Schlaf. Eine Übernachtung in einem chinesischen Schwimmbad hört sich dagegen nicht allzu gemütlich an.
Jiejie war dagegen vor lauter Begeisterung ganz aufgeregt: „Kuai, kuai, kuai!“ Schnell, schnell, packt eure Sachen…!

Neugierig geworden tapse ich in mein Zimmer, werfe Shampoo und Duschgel, Handtuch, einen Bikini und ein Shirt zum Übernachten auf das Bett. Jiejie protestiert lauthals: Erstens: Bikini kommt nicht in Frage. Zweitens: den ganzen anderen Krempel brauchst du nicht. Gibt es alles dort. Badeanzug und Badekappe, mehr brauchst du nicht.
Wirklich? Aber wir übernachten doch…? Ja, wirklich, du brauchst nicht mehr und jetzt komm endlich! Wir fahren gleich und…Sie stürmt aus meinem Zimmer und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Sie ist einfach zu putzig wenn sie versucht mich anzutreiben. Und schon ist sie wieder da: „Ai rouya, ni de ersai!“ Kichernd imitiert sie ein grunzendes Schnarchen. Ah ja, meine Ohrstöpsel sollte ich wohl wirklich besser mitnehmen.

Während der Fahrt bemühe ich mich die Bilder von westlichen Wellness-Landschaften aus meinem Kopf zu verdrängen, um später nicht zu sehr enttäuscht zu sein.
Doch als ich wenig später aus der Umkleide komme bin ich positiv überrascht. Vor mir erstreckt sich ein großer Raum mit Duschen, Fußbecken, Massageliegen, einigen Whirlpools und verschiedenen Saunen. Die Frauen hier genießen in vollen Zügen, ein wohliges Seufzen liegt in der Luft.

Jiejie drückt mir ein hübsch geblümtes Nachthemd in die Hand und lacht über meinen leicht verzweifelten Gesichtsausdruck. Mit Nachthemd und Gummischlappen gewappnet verlassen wir den Damenflügel und wagen uns in die Schwimmhalle. Dort gibt es nicht nur Männer in schwarz-weißen Nachthemden, sondern auch ein Fitnessstudio, Billardtische, Tischtennisplatten, Hollywoodschaukeln, Papageien zum Füttern, Spieltische, eine Bar, ein feines Restaurant mit den in China üblichen Privaträumen. Neugierig suche ich nach unserem Schlafplatz und finde schließlich einen großen, dämmrigen Raum mit unzähligen Betten. Beim Schlafen ist Privatsphäre offensichtlich weniger wichtig als beim Essen.

Dann passiert mir etwas, wovon ich geglaubt hatte ich würde es das ganze über Jahr nicht erleben: in meiner Nachthemdenuniform werde ich tatsächlich für eine Chinesin gehalten. Erst als er merkt, dass ich sein unfreundliches Brummeln nicht verstanden habe entdeckt der Angestellte, dass sich tatsächlich eine Westlerin hierher verirrt hat. Überrascht prustet er los, kichert vergnügt vor sich hin. Eine Westlerin! Hier!

Nach ausgiebigem Schwimmen, Saunen, Duschen und Dösen im Whirlpool fühle ich mich rundum wohl und sehr müde. Den Gedanken hier zu übernachten finde ich auf einmal ganz großartig. Anstatt mich jetzt umziehen und in ein kaltes Auto steigen zu müssen, nehme ich mir ein frisches Nachthemd und gehe nach oben in den Schlafraum. Der Geräuschpegel hier ist tatsächlich beachtlich, aber dank meinen Ohrstöpseln schlafe ich ganz wunderbar. Jiejie ist halt doch die Beste. Und selten war „eine fremde Kultur erleben“ so behaglich wohltuend und entspannend wie an diesem Abend.

3.10.06 14:51

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