Das Rotzen

„Eine fremde Kultur erleben“, „interkulturelle Differenzen“, „andere Länder andere Sitten“ – all diese schwammigen Phrasen werden mit einem satten Geräusch zur handfesten Realität.
Denn im Gegensatz zu uns Europäern, die wir den Überschuss unserer Nasen- und Mundschleimhäute liebevoll in Zellulose und Aloe Vera verpacken, sind viele Chinesinnen und Chinesen Anhänger der pragmatischern Methode: Tief unten sammeln, kräftig hochziehen und raus damit! Hcccccchrrrt phhhh! Herrlich. Auf der Straße, im Schwimmbad sowieso, im Flugzeug und nicht zu letzt in meinem Wohnheim. Morgens noch im Halbschlaf holt mich das satte Rotzen des eben erwachten Nachtwächters aus meinen Träumen zurück nach China.
Am Strand in der Sonne liegend hofft man inständig, der Generator dieses Geräusches möge die Meeresbrise in die Flugkurve mit einberechnet haben.
Schon Chinas großer Vordenker zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Sun Yatsen, bemängelte diese Angewohnheit seiner Landsleute. Abstoßend und vor allem gegenüber westlichen Besuchern untragbar erschien ihm diese (Un-)Sitte.
Heute, hundert Jahre später, scheint sein Mahnen Gehör zu finden. Erstaunt lauscht der Sinologie Student im Jahr 2006 der Stille im ständigen Lärm Beijings. Am dritten Tag die Erleichterung. Hcccccchrrrt phhhh, ertönt es herzhaft auf dem Gehsteig. Die Umerziehung (für Olympia?) scheint also doch noch nicht ganz vollzogen.
Interessant ist auch die Zwischenvariante: Hcccccchrrrt…eilige Schritte zum nächsten Mülleimer…phhhh…die Erleichterung. Auch die Flugkurve in nur zur Seite offene Mülleimer will wohl berechnet sein.
Wäre es nun schade, würde es tatsächlich gelingen auch dem bodenständigsten Chinesen das beherzte Ausspucken auszutreiben? Es würde jedenfalls eine (grünlich-gelbe) Farbe aus dem bunten Fächer der interkulturellen Vielfalt unserer Erde nehmen.


26.9.06 14:46

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen