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Die Sauberkeit

Nachdem ich über das Rotzen und die Gerüche geschrieben habe, darf dieses Puzzleteil nicht fehlen: Die Sauberkeit in unserer Wohnung.

Die Schwelle vom Treppenhaus in die Wohnung führt in eine andere Welt, die man auf keinen Fall mit denselben Schuhen betreten darf. Doch die Hausschuhpflicht für jeden Bewohner und Besucher ist nur der erste Schritt:

Wer das Bad betreten möchte, ziehe vorher seine Hausschuhe aus und schlüpfe in eines der beiden Gummischlappenpaare, die auf einem kleinen Fußabstreifer vor dem Bad stehen.

Vor der Küche gibt es wieder eine „Gummischlappenschleuse“, was zum Beispiel beim Tisch Abräumen ganz schön lästig sein kann: Man bilde eine Menschenkette um die Gummischlappengrenze zu überwinden.

Beide „Schleusen“ haben durchaus ihren Grund: der Fußboden im Bad wird beim Duschen nass, von diesem Übel soll der Parkettboden im Wohnzimmer verschont bleiben. Auch das Speiseöl, das bei turbulenter Wok-Aktivität auf dem Küchenboden landet, sollte nicht weiter durch die Wohnung verteilt werden.

Nun gut: Hausschuhe und zwei Gummischlappenschleusen. Nun sollte die Wohnung doch eigentlich…? Weit gefehlt. Jeden Morgen kehrt und wischt meine „große Schwester“ die Böden in der ganzen Wohnung, putzt Hausschuhe und Gummischlappen, um bei Gelegenheit die ganze Prozedur nachmittags zu wiederholen. Und das alles nur, damit der „Ehemann der großen Schwester“ wenn er spät abends nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt in aller Ruhe – den Besen aus der Ecke holen kann um noch einmal ordentlich zu kehren.

Not right, not wrong, just different!


3.11.06 14:52, kommentieren

Der Trip aufs Land

Viele Filme beginnen so: Quietschend schließen sich die Bustüren, mit lautem Röhren fährt der Bus an. In der Staubwolke bleibt der Held der Geschichte alleine zurück. Mitten in der Pampa. Im Nichts. Nur mit ein wenig Gepäck, in the Middle of No where.



„Morgen früh um zehn nach sechs geht’s zurück!“ hatte uns der Busfahrer noch zugerufen.
Und nun standen wir also da. Karla und Martin aus Deutschland, Chris aus Thailand und ich. Meine Gastmutter hatte von einer Art Feriendorf gesprochen, mit vielen Restaurants und Hotels, am Fuße eines großen Naturreservates „Bing yu gou“, was in etwa so viel bedeutet wie „Eistal“. „Klein Guilin“ wird die Gegend dort auch genannt. Und nachdem Guilin sowieso das schönste überhaupt auf Erden sein soll, wollten wir uns zumindest „klein Guilin“ ansehen. Nur wo? Eine Weggabelung, eine kleiner Imbissstand und ein paar Häuser, mehr war nicht zu sehen.



Doch wie so oft in China wurde uns der Weg gezeigt, ohne dass wir überhaupt danach hätten fragen müssen. „Und heute abend kommt ihr zu mir zum übernachten!“ Die alte Frau redete unentwegt auf uns ein. Das sei viel billiger als dort im Reservat. Nur zehn Yuan pro Person. In dem kleinen Haus dort. Ja, das mit den blauen Fensterstöcken. Ich befürchtete schon, dass uns noch viele solcher hartnäckiger Vermieterinnen für ihre Unterkunft werben würden.

Aber dem war nicht so. Die Gästehäuser und Restaurants am Eingang des Naturreservats waren alle geschlossen, sogar das Toilettenhäuschen war mit einem dicken Schloss verriegelt. Ein großer Parkplatz erzählte von zahlreichen Besuchern, allerdings zu einer anderen Zeit. Jetzt war es leer hier, fast gespenstisch. Außer uns Langnasen und einigen Angestellten schien sich sonst um diese Jahreszeit kaum jemand mehr hier her zu wagen. Glücklicherweise ignorierte außer uns auch das Wetter das Ende der Touristen Saison: Der Himmel war strahlend blau, es war windstill und für Ende Oktober außergewöhnlich warm.




Der Tag war im Naturreservat war herrlich: Wandern, Boot fahren, Stille und Natur genießen. So menschenleer, so still. Ganz anders als das China, das ich bisher kennen gelernt habe.



Gespannt wie eine Unterkunft für 10 Yuan pro Nacht wohl aussehen würde, gingen wir abends dann zurück zum kleinen Haus mit den blauen Fensterstöcken. Es war ein kleiner Bauernhof, mit Hühnern, Schwein und Pferd im Innenhof, in dem Haus mit einigen Gästezimmern für die Touristensaison lebten drei Generationen zusammen.



Die alte Frau hatte schon auf uns gewartet und zeigte uns jetzt stolz das Zimmer, „mit Fernseher!“ Was uns dagegen viel mehr begeistert hat, war das Bett: wir durften diese Nacht auf einem „Kang“ schlafen. Das ist ein niedriges, gemauertes Bett, auf dem mehrere Leute gleichzeitig schlafen können und das von der Seite mit einem kleinen Holzofen beheizt wird. Eine herrliche Erfindung für kalte Winternächte!



Doch ehe wir uns auf dem heißen Stein braten lassen konnten galt es erst einmal unseren Hunger zu stillen. Ich fragte die alte Frau was wir essen könnten und sie führte mich zum Hühnerstall. „Für 100 Yuan mach ich euch den da.“ Sie deutete auf den Hahn. Etwas verblüfft ob der pragmatischen Antwort konnte ich mir gerade noch verkneifen zu fragen, was denn der Hund, der daneben angekettet war, kosten würde.

Pech für den Hahn, wir hatten wirklich Hunger! Er wurde geschlachtet, gerupft, in Stücke gehackt und (inklusive Kopf, Füße, Innereien) mit Kartoffeln, Pilzen und Ingwer gekocht – wir hatten in kürzester Zeit ein leckeres Abendessen.

Am nächsten Morgen bereuten wir nur, dass wir nicht zwei Hähne gegessen hatten: ab drei Uhr befand der zweite Hahn die Nacht für beendet. Landleben eben. Früh aufstehen mussten wir ja ohnehin, um morgens um sechs den Bus zurück in die Stadt zu nehmen. Zurück in das andere China, das mit den Hühnchen von KFC.


8.11.06 14:57, kommentieren

Die Hauptstadt

Breite, verstopfte Straßen, kantige, klobige Gebäude und jede Menge Smog: dieses Bild von Beijing hatte ich von meinem letzten, kurzen Besuch mitgenommen. Vergessen hatte ich das Gefühl, dass mich sofort wieder packte als ich in Beijing ankam: Das Gefühl, Teil eines wilden, reißenden Stromes zu sein. Die vielen Autos, die Radfahrer, die Fußgänger, das ständige Hupen, all die Abgase, der Schmutz, die vielen Baustellen – und immer und überall Menschen. Die Stadt reißt einen mit in ihr Beben, man fühlt sich als Teil des großen Strebens nach – Leben?

21.11.06 14:36, kommentieren

Die Heizung

Wenn sich in Deutschland allmählich die Blätter an den Bäumen verfärben, die Tage kürzer werden und die Kälte der Morgenstunden an den kommenden Winter erinnert – dann wird in den Wohnsiedlungen auf den Dörfern diskutiert.

„Uns reicht noch der Kachelofen.“ „Was? Wir heizen schon seit zwei Wochen, das Bad ist sonst immer so kalt.“ „Nun ja, der Ölpreis ist ja auch wieder…die Fußbodenheizung läuft bei uns noch nicht.“


In China ist das ganz anders. Hier bekommt das Wort „Zentralheizung“ eine ganz andere Bedeutung. Es wird eben „zentral geheizt“. Ab dem 15. November. In ganz Nordchina. Bis zum 15. März. Wetter: egal.

Eines Morgens Ende Oktober hat es hier geschneit. In meinem Zimmer war es da schon ganz schön – unwarm. „Mehr anziehen!“ heißt die Parole in dieser Zeit. Und mit dicken wollenen langen Unterhosen in den großartigsten Farben trotzt man hier jedem Schneesturm – selbst wenn es der durch die schlecht isolierten Fenster bis ins Wohnzimmer schafft.


Schließlich war es dann so weit: Der lange ersehnte 15. November. Heizung für alle! Raus aus den Wollunterhosen! Wärme! Juhu!

Auch was die Temperatur angeht ist die Heizung hier „zentral“: die Heizkörper haben keinen Thermostat. Wem es zu warm wird, der macht eben das Fenster auf und sollte es zu kalt sein gibt es ja noch die wollenen Unterhosen. Die Heizkosten lassen sich dadurch ganz pauschal berechnen. Man bezahlt pro Quadratmeter Wohnfläche.

In manchen Wohnungen wird dreimal täglich geheizt: Morgens, Mittags, Abends. Nicht so bei uns. In meiner Gastfamilie läuft die Heizung 24 Stunden am Tag. Welch Luxus.
Doch was vor der Heizperiode noch sehr verheißungsvoll geklungen hat, zeigt jetzt seine Kehrseite:

Rund um die Uhr wird volle Pulle geheizt. Der Heizkörper ist direkt neben meinem Bett. Ein riesiger Heizkörper für ein kleines Zimmerchen. Ich werde gegrillt wie ein Dönerspieß. Und ironischer Weise ist das Wetter jetzt wieder sehr mild geworden.

Fenster auf. Lüften. Ich kann ja lüften. Wäre da nicht…ja, wäre da nicht…wäre da nicht der Fisch, den meine Gastmutter auf dem kleinen Balkon vor meinem Fenster trocknet. Für den Winter. Jiejie hebt entschuldigend die Schultern. Neulich als es regnete hätte sie vergessen den Fisch von der Leine zu nehmen. Jetzt würde der eben ein bisschen riechen. Aber dann im Winter sehr gut schmecken. Doch, ganz lecker, ganz sicher.

Manchmal, wenn man durch eine chinesische Stadt läuft, vorbei an den großen Shopping-Malls, vorbei an all den Starbucks, KFCs und McDonalds, dann beschleicht einen das Gefühl, die Welt sei überall gleich, eintönig und furchtbar langweilig geworden. Ein Alptraum, aus dem ich verschwitzt hochschrecke: es ist drei Uhr morgens, in meinem Zimmerchen herrschen tropische Temperaturen und draußen wiegen sich die Fische an der Leine im silbernen Mondlicht. Alles in bester Ordnung.

27.11.06 07:38, kommentieren