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Der Plan

Nach meinem Grundstudium in Sinologie werde ich nun für elf Monate an der Liaoning Normal University (Liaoning Shifan Daxue) in Dalian studieren.
Dalian ist eine Hafenstadt an der Nordostküste Chinas, ganz grob beschrieben liegt Dalian auf einer Halbinsel zwischen Beijing und Korea. Mit – je nach Quelle und Art der Zählung – vier bis sechs Millionen Einwohnern ist Dalian eine mittelgroße chinesische Stadt.
Für mein Auslandsstudium erschien mir Dalian als gute Alternative zu den Metropolen Beijing und Shanghai: überschaubarer, weniger Smog, niedriger Ausländeranteil an den Universitäten, angenehmes Klima. Gleichzeitig ist Dalian eine recht moderne Stadt und so sollte dem westlichen Austauschstudent hier das Einleben auch leichter fallen als in den ländlichen Gebieten im Landesinneren. Ob diese Überlegungen richtig waren wird sich in den nächsten Tagen und Wochen zeigen.

An der Universität werde ich Sprachkurse machen. Denn für mich als Sinologiestudentin geht es nicht nur darum chinesisch sprechen zu können, sondern vor allem darum die chinesischen Schriftzeichen lesen und schreiben zu können. Das Erlernen der chinesischen Schriftzeichen ist ein lebenslanger Lernprozess, auch für Chinesen. Es gibt etwa 50 000 Schriftzeichen, aber kein Chinese beherrscht alle 50 000. Nicht mehr als Analphabet gilt, wer etwa 500 Schriftzeichen lesen kann, etwa 5000 Schriftzeichen benötigt man um eine chinesische Zeitung lesen zu können. Grobes Ziel ist es für mich nun also, zur „Zeitungsleserin“ aufzusteigen und ich bin gespannt wie gut mir das gelingen wird.

Chinesische Studenten leben üblicherweise direkt auf dem Campus. Ausländische Studenten leben auch auf dem Campus – allerdings in besonderen „Ausländerwohnheimen“, die in der Regel besser ausgestattet sind als die übrigen Wohnheime: Chinesische Kommilitonen leben in Vierer-, Sechser- und Achterzimmern zusammen, in den Ausländerwohnheimen gibt es Doppel- und Einzelzimmer. Durch diese Aufteilung ist der Kontakt zu chinesischen Kommilitonen keine Selbstverständlichkeit.
Bis vor kurzem waren die Studenten noch verpflichtet in den Wohnheimen der Universität zu wohnen, mittlerweile ist es meist auch erlaubt abseits des Campus in eine Privatwohnung zu ziehen. Auch hier werde ich vor Ort die verschiedenen Möglichkeiten ausloten.

2.9.06 14:35, kommentieren

Die Passkontrolle

Kaum waren die Anschnallzeichen nach dem Start verloschen wurden sie uns mit einem freundlichen Lächeln von der Stewardess überreicht: Zoll, Quarantäne, Einreise – kleine Formulare, unsere Hausaufgabe bis zur Ankunft in Beijing. Einige Stunden Economy- Class- Schlaf später reihe ich mich in die lange Schlange der „Foreigners“ ein, irgendwie doch mit einem mulmigen Gefühl. Was wenn mein Visum nicht…? Hab ich auch…? Doch ehe ich so richtig ins Grübeln komme werden wir zu einem anderen Schalter gewunken und kurz darauf winkt mich der Beamte über die gelbe Wartelinie. „Nin Hao“ begrüße ich ihn und gebe ihm meinen Pass und das Einreise-Zettelchen. Er blättert nach meinem Visum und schaut mich dann fragend an. Ich blicke mindestens so fragend zurück, was kann denn…? „Ni shuo han yu?“ Sprechen Sie Chinesisch? „Yi diar“ Ein bisschen, ist meine vorsichtige Antwort. Ob ich hier studieren wollte, will er von mir wissen. Als ich bejahe nickt er mir freundlich zu und blickt mir direkt in die Augen „Huan ying!“ Willkommen! Wenn das kein guter Start ist. Am liebsten wäre ich gehüpft.

2.9.06 14:35, kommentieren

Der erste Taxifahrer

Ich bin mir sicher sie hielten uns für verrückt. Drei Leute? Mit DEM Gepäck? In EIN Taxi? Die Träger und Taxifahrer hatten sichtlich ihren Spaß an diesem Vorhaben, nicht fünf Elefanten in einen Käfer, aber doch drei Langnasen mitsamt Gepäck in einem Taxi unterzubringen. Jeder stopfte, zog, drückte- bis der Taxifahrer laut protestierte: halt, nein, so würde er nichts mehr sehen. Ich war ehrlich erstaunt als es uns dann tatsächlich doch gelungen war uns zu akzeptablen Sichtverhältnissen mitsamt unserem Gepäck in das Taxi zu quetschen. Der Taxifahrer auch. Beinahe die ganze Fahrt hindurch schüttelte er kichernd den Kopf „tai duo le, tai duo le!“ Zu viel, zu viel! Auch unsere Chinesisch-Versuche fand er urkomisch. Auf unsere Frage, wie lange es denn dauern würde bis zum Hotel antwortete er kichernd: eine Stunde. Na toll, ER hatte ja Beinfreiheit… Glücklicherweise stellte sich heraus, dass es doch nur eine knappe halbe Stunde bis zum Hotel war und nach dem Ausladen verschwand unser fröhlicher Taxifahrer wieder in der Anonymität der Metropole.

2.9.06 14:35, kommentieren

Das Hotel

Für die Dauer der Einführungsveranstaltung hatte der DAAD für uns Stipendiaten die Unterbringung in einem Hotel organisiert. Das Hotel war für studentische und chinesische Verhältnisse sehr luxuriös. Außer uns wohnte noch eine größere Gruppe Afrikaner in dem Hotel, die angeblich dort waren um von den Chinesen den Reisanbau zu lernen.
Chinesen, Deutsche, Afrikaner: sie alle wurden durch den genialsten Scherzartikel des Hotels vereint: den Aufzug. Mehrmals täglich stand man gemeinsam vor der grauen Tür, hoffnungsvoll die roten Ziffern der Anzeige verfolgend: Ah, schon in 14, gleich müsste er ja…, oh je, er scheint überall zu halten, endlich, 17 und jetzt: ein freudiges Klingeln ertönt im 18. Stock, doch der Aufzug fährt vorbei. Lachen oder Weinen? Nach einiger Zeit hieß die Frage eher: Warten oder Laufen? Einmal entschieden wir uns nach längerem vergeblichem Warten tatsächlich zu Laufen. 18 Stockwerke, durch ein enges, stickiges Treppenhaus. Etwas schwindelig und verschwitzt kamen wir unten an. Immerhin noch pünktlich zur Verabredung in der Lobby. Warten mussten wir trotzdem: auf die anderen, die sich oben entschlossen hatten auf den Aufzug warteten.

2.9.06 14:36, kommentieren

Der Garten

Yiheyuan heisst der grosse Park in Beijing, in dem sich fueher die Kaiser erholt haben.
Damals muss der Yiheyuan ein kleines Paradies gewesen sein, heute sind sehr viele "Kaiser" aus vielen verschiedenen Laendern in dem Park, schoen ist es trotzdem noch:
ein grosser See auf dem man Bootfahren kann, kleine Waelder und Aussichtshuegel, eine Pagode und andere Gebaeude die an die Kaiserzeit erinnern.


2.9.06 14:37, kommentieren

Die Stadt am Meer

Dalian. Nun bin ich schon fast eine Woche hier und immer noch überlege ich, wie man jemandem der noch nie hier war, jemandem der vielleicht noch nie in China war, diese Stadt beschreiben kann.



Ehe ich hierher kam hatte ich immer wieder gehört, Dalian sei eine schöne Stadt, mit russischen und japanischen Einflüssen und schönen Stränden. Jemand sagte auch, Dalian sei eine „sehr chinesische Stadt“ und nach meinen bisherigen Eindrücken war das vielleicht die beste Beschreibung – zumindest für alle diejenigen, die wie ich noch relativ wenig von China gesehen haben.



Ins Auge fallen die vielen, vielen kleinen Geschäfte: kleine Supermärkte und Lebensmittelgeschäfte, Friseure, Klamottenläden, Werkstätten, dazwischen all die Essensstände und kleinen Restaurants, die Schuhputzer und Flaschensammler. Insgesamt scheint alles viel schmutziger, lauter, wilder und irgendwie rotziger als in Deutschland. Der Bus muss nicht schön sein, er muss nur fahren. Und das tut er: ächzend und quietschend rumpelt er sich durch das Gedränge, innen wie außen abgewetzt und verbraucht, laut röhrend und scheinbar ohne jeden Stoßdämpfer. Doch am Steuer dieses eisernen Ungetüms sitzt eine zierliche Chinesin, ihre Fußnägel sorgfältig lackiert, ihre Stöckelschuhe ganz verloren auf dem großen Gaspedal.



Die meisten Wohnhäuser sind von außen furchtbar hässlich, voller Klimaanlagen und trocknender Wäsche, auch die Treppenhäuser haben außer Estrich und Schmutz meist nicht viel zu bieten. Umso mehr staunt der Besucher, wenn sich ihm hinter der Wohnungstür ein kleines, wohl gepflegtes Paradies eröffnet. Selbstverständlich, dass man zwischen Estrich und Parkett die Schuhe wechselt. Verrückt an Dalian sind die vielen Rolltreppen, die fast immer in riesige, unterirdische Shopping Malls führen. Dort unten erlebt man eine pure Reizüberflutung. Westliche und chinesische Supermarkt- und Fastfood- Ketten, Werbung, Verkäuferinnen, all die Kunden, all die bunten Marken und Produkte, Lärm, Gedränge…nichts wie zurück an die Oberfläche, denn: Ja! Dalian ist eine schöne Stadt. Mit äußerst gepflegten Rasenflächen mitten im Zentrum, alten russischen Gebäuden, modernen Hochhäusern, teuren Hotels, sehr edlen Appartementhäusern am Meer und – mit vielen Stränden. Bisher habe ich erst zwei dieser Strände gesehen, der deutsche Pauschal-Urlauber wäre von beiden enttäuscht, keine Palmen, kein Sand, kein einsam. Aber Schwimmen kann man hier allemal und lässt man seinen Blick schweifen über die kleinen Inselgruppen und die grünen, hügeligen Bergketten, entstehen durchaus Urlaubsgefühle.



Nicht zu vergessen ist an dieser Stelle, das, während Chinas Metropolen im Smog versinken, eine frische Meeresbrise durch Dalian weht, was ganz entscheidend zur Lebensqualität beiträgt. Alles in allem ist Dalian eine faszinierende Stadt, weil sie so ungeheuer kontrastreich ist. Und vielleicht ist ja genau das „sehr chinesisch“.

14.9.06 14:43, kommentieren

Die Universität


Eigentlich sollte diese Überschrift „Die Schule“ heißen. Denn nicht nur die niedrigen Stühle und Tische erinnern an die siebte, achte Klasse: die Lehrer, die Unterrichtsmethoden, das Ausmaß an Eigenverantwortung das man uns hier zutraut – all das hat mit Universität im deutschen Sinne nur wenig zu tun.



Trotzdem bin ich recht zu frieden, denn auch als „Achtklässlerin“ lerne ich hier jede Menge. Nach einem Sprachtest wurde ich in die Mittelstufe eingeteilt. In meiner Klasse sind außer mir nur Koreaner und Japaner, ich kann mich also mit meinen Kommilitonen nur auf Chinesisch unterhalten. Der Stundenplan ist fest vorgegeben und enthält Kurse in Leseverständnis, Konversation und Hörverständnis. Darüber hinaus gibt es noch einen Kurs in dem Zeitungsartikel gelesen werden. Alles in allem entspricht das in etwa dem, was ich mir vom Unterricht hier erhofft hatte. Ich muss viele, viele Vokabeln lernen, meine asiatischen Kommilitonen sind mir was das Zeichen lesen und schreiben angeht um einiges voraus. Dafür fällt mir das Sprechen leichter. Außer in Konversation gibt es allerdings kaum Gelegenheit im Unterricht zu sprechen – die Lehrer hier beantworten die Fragen, die sie stellen für gewöhnlich selbst.
Glücklicherweise habe ich bereits eine chinesische Sprachpartnerin gefunden: Zheng Qian studiert Lehramt „Chinesisch für Ausländer“ und möchte das Unterrichten ausprobieren. Besser hätte ich es kaum treffen können.

14.9.06 14:45, kommentieren