Die Heizung

Wenn sich in Deutschland allmählich die Blätter an den Bäumen verfärben, die Tage kürzer werden und die Kälte der Morgenstunden an den kommenden Winter erinnert – dann wird in den Wohnsiedlungen auf den Dörfern diskutiert.

„Uns reicht noch der Kachelofen.“ „Was? Wir heizen schon seit zwei Wochen, das Bad ist sonst immer so kalt.“ „Nun ja, der Ölpreis ist ja auch wieder…die Fußbodenheizung läuft bei uns noch nicht.“


In China ist das ganz anders. Hier bekommt das Wort „Zentralheizung“ eine ganz andere Bedeutung. Es wird eben „zentral geheizt“. Ab dem 15. November. In ganz Nordchina. Bis zum 15. März. Wetter: egal.

Eines Morgens Ende Oktober hat es hier geschneit. In meinem Zimmer war es da schon ganz schön – unwarm. „Mehr anziehen!“ heißt die Parole in dieser Zeit. Und mit dicken wollenen langen Unterhosen in den großartigsten Farben trotzt man hier jedem Schneesturm – selbst wenn es der durch die schlecht isolierten Fenster bis ins Wohnzimmer schafft.


Schließlich war es dann so weit: Der lange ersehnte 15. November. Heizung für alle! Raus aus den Wollunterhosen! Wärme! Juhu!

Auch was die Temperatur angeht ist die Heizung hier „zentral“: die Heizkörper haben keinen Thermostat. Wem es zu warm wird, der macht eben das Fenster auf und sollte es zu kalt sein gibt es ja noch die wollenen Unterhosen. Die Heizkosten lassen sich dadurch ganz pauschal berechnen. Man bezahlt pro Quadratmeter Wohnfläche.

In manchen Wohnungen wird dreimal täglich geheizt: Morgens, Mittags, Abends. Nicht so bei uns. In meiner Gastfamilie läuft die Heizung 24 Stunden am Tag. Welch Luxus.
Doch was vor der Heizperiode noch sehr verheißungsvoll geklungen hat, zeigt jetzt seine Kehrseite:

Rund um die Uhr wird volle Pulle geheizt. Der Heizkörper ist direkt neben meinem Bett. Ein riesiger Heizkörper für ein kleines Zimmerchen. Ich werde gegrillt wie ein Dönerspieß. Und ironischer Weise ist das Wetter jetzt wieder sehr mild geworden.

Fenster auf. Lüften. Ich kann ja lüften. Wäre da nicht…ja, wäre da nicht…wäre da nicht der Fisch, den meine Gastmutter auf dem kleinen Balkon vor meinem Fenster trocknet. Für den Winter. Jiejie hebt entschuldigend die Schultern. Neulich als es regnete hätte sie vergessen den Fisch von der Leine zu nehmen. Jetzt würde der eben ein bisschen riechen. Aber dann im Winter sehr gut schmecken. Doch, ganz lecker, ganz sicher.

Manchmal, wenn man durch eine chinesische Stadt läuft, vorbei an den großen Shopping-Malls, vorbei an all den Starbucks, KFCs und McDonalds, dann beschleicht einen das Gefühl, die Welt sei überall gleich, eintönig und furchtbar langweilig geworden. Ein Alptraum, aus dem ich verschwitzt hochschrecke: es ist drei Uhr morgens, in meinem Zimmerchen herrschen tropische Temperaturen und draußen wiegen sich die Fische an der Leine im silbernen Mondlicht. Alles in bester Ordnung.

27.11.06 07:38, kommentieren

Der Trip aufs Land

Viele Filme beginnen so: Quietschend schließen sich die Bustüren, mit lautem Röhren fährt der Bus an. In der Staubwolke bleibt der Held der Geschichte alleine zurück. Mitten in der Pampa. Im Nichts. Nur mit ein wenig Gepäck, in the Middle of No where.



„Morgen früh um zehn nach sechs geht’s zurück!“ hatte uns der Busfahrer noch zugerufen.
Und nun standen wir also da. Karla und Martin aus Deutschland, Chris aus Thailand und ich. Meine Gastmutter hatte von einer Art Feriendorf gesprochen, mit vielen Restaurants und Hotels, am Fuße eines großen Naturreservates „Bing yu gou“, was in etwa so viel bedeutet wie „Eistal“. „Klein Guilin“ wird die Gegend dort auch genannt. Und nachdem Guilin sowieso das schönste überhaupt auf Erden sein soll, wollten wir uns zumindest „klein Guilin“ ansehen. Nur wo? Eine Weggabelung, eine kleiner Imbissstand und ein paar Häuser, mehr war nicht zu sehen.



Doch wie so oft in China wurde uns der Weg gezeigt, ohne dass wir überhaupt danach hätten fragen müssen. „Und heute abend kommt ihr zu mir zum übernachten!“ Die alte Frau redete unentwegt auf uns ein. Das sei viel billiger als dort im Reservat. Nur zehn Yuan pro Person. In dem kleinen Haus dort. Ja, das mit den blauen Fensterstöcken. Ich befürchtete schon, dass uns noch viele solcher hartnäckiger Vermieterinnen für ihre Unterkunft werben würden.

Aber dem war nicht so. Die Gästehäuser und Restaurants am Eingang des Naturreservats waren alle geschlossen, sogar das Toilettenhäuschen war mit einem dicken Schloss verriegelt. Ein großer Parkplatz erzählte von zahlreichen Besuchern, allerdings zu einer anderen Zeit. Jetzt war es leer hier, fast gespenstisch. Außer uns Langnasen und einigen Angestellten schien sich sonst um diese Jahreszeit kaum jemand mehr hier her zu wagen. Glücklicherweise ignorierte außer uns auch das Wetter das Ende der Touristen Saison: Der Himmel war strahlend blau, es war windstill und für Ende Oktober außergewöhnlich warm.




Der Tag war im Naturreservat war herrlich: Wandern, Boot fahren, Stille und Natur genießen. So menschenleer, so still. Ganz anders als das China, das ich bisher kennen gelernt habe.



Gespannt wie eine Unterkunft für 10 Yuan pro Nacht wohl aussehen würde, gingen wir abends dann zurück zum kleinen Haus mit den blauen Fensterstöcken. Es war ein kleiner Bauernhof, mit Hühnern, Schwein und Pferd im Innenhof, in dem Haus mit einigen Gästezimmern für die Touristensaison lebten drei Generationen zusammen.



Die alte Frau hatte schon auf uns gewartet und zeigte uns jetzt stolz das Zimmer, „mit Fernseher!“ Was uns dagegen viel mehr begeistert hat, war das Bett: wir durften diese Nacht auf einem „Kang“ schlafen. Das ist ein niedriges, gemauertes Bett, auf dem mehrere Leute gleichzeitig schlafen können und das von der Seite mit einem kleinen Holzofen beheizt wird. Eine herrliche Erfindung für kalte Winternächte!



Doch ehe wir uns auf dem heißen Stein braten lassen konnten galt es erst einmal unseren Hunger zu stillen. Ich fragte die alte Frau was wir essen könnten und sie führte mich zum Hühnerstall. „Für 100 Yuan mach ich euch den da.“ Sie deutete auf den Hahn. Etwas verblüfft ob der pragmatischen Antwort konnte ich mir gerade noch verkneifen zu fragen, was denn der Hund, der daneben angekettet war, kosten würde.

Pech für den Hahn, wir hatten wirklich Hunger! Er wurde geschlachtet, gerupft, in Stücke gehackt und (inklusive Kopf, Füße, Innereien) mit Kartoffeln, Pilzen und Ingwer gekocht – wir hatten in kürzester Zeit ein leckeres Abendessen.

Am nächsten Morgen bereuten wir nur, dass wir nicht zwei Hähne gegessen hatten: ab drei Uhr befand der zweite Hahn die Nacht für beendet. Landleben eben. Früh aufstehen mussten wir ja ohnehin, um morgens um sechs den Bus zurück in die Stadt zu nehmen. Zurück in das andere China, das mit den Hühnchen von KFC.


8.11.06 14:57, kommentieren

Die Sauberkeit

Nachdem ich über das Rotzen und die Gerüche geschrieben habe, darf dieses Puzzleteil nicht fehlen: Die Sauberkeit in unserer Wohnung.

Die Schwelle vom Treppenhaus in die Wohnung führt in eine andere Welt, die man auf keinen Fall mit denselben Schuhen betreten darf. Doch die Hausschuhpflicht für jeden Bewohner und Besucher ist nur der erste Schritt:

Wer das Bad betreten möchte, ziehe vorher seine Hausschuhe aus und schlüpfe in eines der beiden Gummischlappenpaare, die auf einem kleinen Fußabstreifer vor dem Bad stehen.

Vor der Küche gibt es wieder eine „Gummischlappenschleuse“, was zum Beispiel beim Tisch Abräumen ganz schön lästig sein kann: Man bilde eine Menschenkette um die Gummischlappengrenze zu überwinden.

Beide „Schleusen“ haben durchaus ihren Grund: der Fußboden im Bad wird beim Duschen nass, von diesem Übel soll der Parkettboden im Wohnzimmer verschont bleiben. Auch das Speiseöl, das bei turbulenter Wok-Aktivität auf dem Küchenboden landet, sollte nicht weiter durch die Wohnung verteilt werden.

Nun gut: Hausschuhe und zwei Gummischlappenschleusen. Nun sollte die Wohnung doch eigentlich…? Weit gefehlt. Jeden Morgen kehrt und wischt meine „große Schwester“ die Böden in der ganzen Wohnung, putzt Hausschuhe und Gummischlappen, um bei Gelegenheit die ganze Prozedur nachmittags zu wiederholen. Und das alles nur, damit der „Ehemann der großen Schwester“ wenn er spät abends nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt in aller Ruhe – den Besen aus der Ecke holen kann um noch einmal ordentlich zu kehren.

Not right, not wrong, just different!


3.11.06 14:52, kommentieren

Das Nachthemdenparadies

Es war einer von diesen Abenden, den wohl jeder Austauschschüler kennt: Nach einem langen Tag mit viel Hören und Sprechen in der noch so anstrengenden fremden Sprache brummt der Schädel und ich habe es aufgegeben dem Tischgespräch zu folgen. Wie durch einen breiten Wasserfall dringt nur noch der eine oder Wortfetzen zu mir durch.
„Schwimmbad…nicht teuer…Essen…angenehm…Übernachten“. Übernachten? Im Schwimmbad? Ich bin mir sicher, dass ich da wieder einmal etwas falsch verstanden habe.

Aber nein, diesmal habe ich richtig gehört. In diesem Schwimmbad kann man auch übernachten, und das nicht irgendwann, sondern heute Abend. Jetzt? Ins Schwimmbad? Mir war an diesem Abend eher nach einer Tasse Tee, einem guten Buch und viel, viel Schlaf. Eine Übernachtung in einem chinesischen Schwimmbad hört sich dagegen nicht allzu gemütlich an.
Jiejie war dagegen vor lauter Begeisterung ganz aufgeregt: „Kuai, kuai, kuai!“ Schnell, schnell, packt eure Sachen…!

Neugierig geworden tapse ich in mein Zimmer, werfe Shampoo und Duschgel, Handtuch, einen Bikini und ein Shirt zum Übernachten auf das Bett. Jiejie protestiert lauthals: Erstens: Bikini kommt nicht in Frage. Zweitens: den ganzen anderen Krempel brauchst du nicht. Gibt es alles dort. Badeanzug und Badekappe, mehr brauchst du nicht.
Wirklich? Aber wir übernachten doch…? Ja, wirklich, du brauchst nicht mehr und jetzt komm endlich! Wir fahren gleich und…Sie stürmt aus meinem Zimmer und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Sie ist einfach zu putzig wenn sie versucht mich anzutreiben. Und schon ist sie wieder da: „Ai rouya, ni de ersai!“ Kichernd imitiert sie ein grunzendes Schnarchen. Ah ja, meine Ohrstöpsel sollte ich wohl wirklich besser mitnehmen.

Während der Fahrt bemühe ich mich die Bilder von westlichen Wellness-Landschaften aus meinem Kopf zu verdrängen, um später nicht zu sehr enttäuscht zu sein.
Doch als ich wenig später aus der Umkleide komme bin ich positiv überrascht. Vor mir erstreckt sich ein großer Raum mit Duschen, Fußbecken, Massageliegen, einigen Whirlpools und verschiedenen Saunen. Die Frauen hier genießen in vollen Zügen, ein wohliges Seufzen liegt in der Luft.

Jiejie drückt mir ein hübsch geblümtes Nachthemd in die Hand und lacht über meinen leicht verzweifelten Gesichtsausdruck. Mit Nachthemd und Gummischlappen gewappnet verlassen wir den Damenflügel und wagen uns in die Schwimmhalle. Dort gibt es nicht nur Männer in schwarz-weißen Nachthemden, sondern auch ein Fitnessstudio, Billardtische, Tischtennisplatten, Hollywoodschaukeln, Papageien zum Füttern, Spieltische, eine Bar, ein feines Restaurant mit den in China üblichen Privaträumen. Neugierig suche ich nach unserem Schlafplatz und finde schließlich einen großen, dämmrigen Raum mit unzähligen Betten. Beim Schlafen ist Privatsphäre offensichtlich weniger wichtig als beim Essen.

Dann passiert mir etwas, wovon ich geglaubt hatte ich würde es das ganze über Jahr nicht erleben: in meiner Nachthemdenuniform werde ich tatsächlich für eine Chinesin gehalten. Erst als er merkt, dass ich sein unfreundliches Brummeln nicht verstanden habe entdeckt der Angestellte, dass sich tatsächlich eine Westlerin hierher verirrt hat. Überrascht prustet er los, kichert vergnügt vor sich hin. Eine Westlerin! Hier!

Nach ausgiebigem Schwimmen, Saunen, Duschen und Dösen im Whirlpool fühle ich mich rundum wohl und sehr müde. Den Gedanken hier zu übernachten finde ich auf einmal ganz großartig. Anstatt mich jetzt umziehen und in ein kaltes Auto steigen zu müssen, nehme ich mir ein frisches Nachthemd und gehe nach oben in den Schlafraum. Der Geräuschpegel hier ist tatsächlich beachtlich, aber dank meinen Ohrstöpseln schlafe ich ganz wunderbar. Jiejie ist halt doch die Beste. Und selten war „eine fremde Kultur erleben“ so behaglich wohltuend und entspannend wie an diesem Abend.

3.10.06 14:51, kommentieren

Die Gastfamilie

Vielleicht hat sich mir zum letzten Mal in meinem Leben die Chance aufgetan, ein Land „von innen nach außen“, aus seinem kleinsten Glied heraus kennen zu lernen. Die Chance, fern von allen Lehrbüchern die alltägliche Sprache zu erleben. Und vor allem: die Hoffnungen, Ängste, Wünsche und Sorgen der Menschen hier zu erfahren, die alltäglichen Ärgernisse und kleinen täglichen Freuden mitzuerleben.

Im Wohnheim hatte ich das Gefühl in einer „Ausländerblase“ zu wohnen. Jetzt hab ich diese Blase durchstochen und bin mitten drin:
Meine Gastfamilie besteht aus „Jiejie“ (das heißt eigentlich „ältere Schwester“, ich finde es schön meine Gastmutter so nennen zu dürfen), „Jiefu“ (das ist der Ehemann der älteren Schwester) und deren Sohn Liu Kainan. Darüber hinaus habe ich noch einen Gastbruder „Ma di a si“ (Matthias) aus Deutschland. Wir beide wohnen nun seit einigen Wochen hier, so wie früher die Studenten in Deutschland ja auch oft ein Zimmer in einer Familie gemietet hatten. Ich kann hier essen und am Familienleben teilnehmen, mich aber auch zurückziehen und kommen und gehen wann ich will. Bisher klappt das alles sehr gut und ich fühle mich von Tag zu Tag wohler.
Besonders mit Jiejie verstehe ich mich sehr gut, sie ist eine intelligente und sehr herzliche Frau, oft sitzen wir abends noch gemeinsam auf dem Sofa und reden über – nun ja, alles was mein Chinesisch bisher so zulässt.

Sie fragt viel über Deutschland, über mein Auslandsjahr in Australien und AFS, sie erzählt von ihrer Familie und davon, wie wichtig es ist, dass in der Familie alle zusammen halten. Ich erzähle ihr von meiner Familie und meinen Freunden und habe dabei das schöne Gefühl, endlich richtig angekommen zu sein.


Hier ein Bild aus einem kleinen Museum in der Nähe von Dalian.

7.10.06 14:49, kommentieren

Das Rotzen

„Eine fremde Kultur erleben“, „interkulturelle Differenzen“, „andere Länder andere Sitten“ – all diese schwammigen Phrasen werden mit einem satten Geräusch zur handfesten Realität.
Denn im Gegensatz zu uns Europäern, die wir den Überschuss unserer Nasen- und Mundschleimhäute liebevoll in Zellulose und Aloe Vera verpacken, sind viele Chinesinnen und Chinesen Anhänger der pragmatischern Methode: Tief unten sammeln, kräftig hochziehen und raus damit! Hcccccchrrrt phhhh! Herrlich. Auf der Straße, im Schwimmbad sowieso, im Flugzeug und nicht zu letzt in meinem Wohnheim. Morgens noch im Halbschlaf holt mich das satte Rotzen des eben erwachten Nachtwächters aus meinen Träumen zurück nach China.
Am Strand in der Sonne liegend hofft man inständig, der Generator dieses Geräusches möge die Meeresbrise in die Flugkurve mit einberechnet haben.
Schon Chinas großer Vordenker zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Sun Yatsen, bemängelte diese Angewohnheit seiner Landsleute. Abstoßend und vor allem gegenüber westlichen Besuchern untragbar erschien ihm diese (Un-)Sitte.
Heute, hundert Jahre später, scheint sein Mahnen Gehör zu finden. Erstaunt lauscht der Sinologie Student im Jahr 2006 der Stille im ständigen Lärm Beijings. Am dritten Tag die Erleichterung. Hcccccchrrrt phhhh, ertönt es herzhaft auf dem Gehsteig. Die Umerziehung (für Olympia?) scheint also doch noch nicht ganz vollzogen.
Interessant ist auch die Zwischenvariante: Hcccccchrrrt…eilige Schritte zum nächsten Mülleimer…phhhh…die Erleichterung. Auch die Flugkurve in nur zur Seite offene Mülleimer will wohl berechnet sein.
Wäre es nun schade, würde es tatsächlich gelingen auch dem bodenständigsten Chinesen das beherzte Ausspucken auszutreiben? Es würde jedenfalls eine (grünlich-gelbe) Farbe aus dem bunten Fächer der interkulturellen Vielfalt unserer Erde nehmen.


26.9.06 14:46, kommentieren

Die Gerüche

Eigentlich ist es jetzt – drei Wochen nach meiner Ankunft in China – schon fast zu spät für diesen Eintrag. Denn so richtig intensiv habe ich die Gerüche hier nur in den ersten Tagen wahrgenommen, mittlerweile hat sich meine Nase an Vieles schon gewöhnt. Der meiner Meinung nach „chinesischste“ aller Gerüche ereilt einen in den kleinen Seitenstraßen. Dieser süßlich-faulige Geruch ist so penetrant und fremdartig, so Ekel erregend und abenteuerlich zugleich. Ursprung sind die großen Abfallberge auf den Gehsteigen und ich glaube besonders die vielen verschiedenen Essensreste sind für diesen Geruch verantwortlich.

Zum Glück erwischt man davon in der Regel nur „eine Nase voll“. Gut möglich, dass einem im Weitergehen der Duft der köstlichen Fleischspieße in die Nase steigt, die auf kleinen rechteckigen Kohlegrills auf hungrige Münder warten.

Der Geruch in meinem Wohnheimszimmer ist einfacher zu beschreiben: Marke „Nasser Hund“. Ich weiß nicht genau ob das ständige Lüften geholfen hat oder ob ich mich schlicht auch an diesen Geruch gewöhnt habe. Noch nicht gewöhnt habe ich mich ganz eindeutig an den Geruch, der aus meinem Badezimmer kommt, wenn es hier im Haus gerade warmes Wasser gibt und alle eifrig duschen. Das riecht – nun ja – nach alle dem was in den Rohren so unterwegs ist. Ähnlich ist auch der Geruch in den Toiletten an der Uni, der beweist, dass längst nicht alle Austauschstudenten mit den chinesischen „Loch im Boden“ - Toiletten umgehen können. Erholen können sich sämtliche Geruchsnerven am Meer, der salzige Geruch von endloser Weite entschädigt für alles andere. Überglücklich habe ich neulich meine Nase in dem auf der Leine getrockneten Handtuch vergraben. „You can smell sunshine.“ So hat ein australischer Freund diesen Geruch einmal beschrieben. Und in diesem Handtuch konnte man wirklich die Reinheit jedes einzelnen Sonnenstrahls riechen.

26.10.06 14:45, kommentieren